Hatte zum Geburtstag eine Stunde im Rennsimulator im Bikini-Haus Berlin bekommen. Porsche GT3 auf selbst wählbaren Rennstrecken. Gestern war dann der Termin. Vorher ging mir mächtig der Stift (wie es das immer tut) und ich hatte Vorbehalte, ob sowas nicht heutzutage auch zuhause gleichsam machbar ist, all das war aber schnell vom Tisch gefegt.
Kurz: ES WAR EIN ERLEBNIS!
Das Simulationszentrum an der Gedächtniskirche bietet neben einem Flugsimulator diverse Autorenn-Simulatoren: einen Audi R8, einen Porsche GT3, jeweils im LMS-Trimm, sowie zwei Formelfahrzeuge. Ich durfte im GT3 fahren, was auch meine persönlich erste Wahl gewesen wäre, wenn ich selbst gebucht hätte.
Der Simulator besteht aus einem echten Fahrzeug mit funktionierendem Cockpit, lautem Innenraumsound, beide Sitzschalen sind hydraulisch aufgehängt, Lenk- und Pedalkräfte sind realistisch (Bremse braucht 80kg für Vollbremsung), 3 große Monitore hängen so vor dem Auto, dass die Kanten ziemlich gut hinter den A-Säulen verschwinden, die Darstellung ist perspektivisch korrekt.
Das Fahrverhalten des Porsches scheint mir gut umgesetzt, ich war von der extrem guten Berechenbarkeit beeindruckt. Auskeilendes Heck kann man provozieren, aber sehr gut mittels Lenkung einfangen, bei Überfahren der Vorderachse in der Kurve fängt erst ein Rubbeln an, inklusive späten ESP-Eingriffen, um bei noch stärkerer Überforderung in ein stures Untersteuern geradeaus überzugehen. War so mehrfach in das Kiesbett gerutscht, weil ich entweder zu schnell in die Kurve wollte oder schlichtweg überbremst hatte.
Ich fuhr 3 Strecken:
- Nürburgring GP (nie gefahren bisher), erst allein auf der Strecke, dann Rennen mit rund 20 gleichen GT3s.
- Hockenheimring großer Kurs inkl. Parabolica. Ebenfalls erst allein, dann Rennen. Dies fiel mir viel leichter, da ich auf dieser Strecke 2005 meinen Rennfahrerlehrgang machte, 2-tägiger Kurs, als Qualifikation für die National-A-Lizenz des DMSBs.
- Oschersleben inkl. 90°-Schikane Ende Start-Ziel, ebenfalls Training und Rennen. Auf dieser Strecke fuhr ich 2008 einen Trackday, leider waren nach 2 Stunden sowohl die Bremsbeläge vorn als auch die Semislicks bis auf die Karkasse runter, weiche Mischung. Auf dieser Strecke fühlte ich mich dann auch am Wohlsten.
Meine 20-jährige Tochter war Beifahrerin im Porsche. Für sie war das nicht neu, saß sie doch bereits mit 4 Jahren mit Sitzerhöhung auf dem Beifahrersitz, wenn ich mit dem Opel Speedster Turbo den Spreewaldring befuhr. Sie ist da voll schussfest.
Ich durfte, da sonst niemand da war, rund 75 Minuten fahren, also deutlich länger als gebucht. War danach komplett nass an Kopf und Oberkörper, nach Aussteigen leicht zittrig, trockener Mund (Adrenalin) und das Laufen war auch die ersten Schritte "anders". Die 80kg Bremsdruck waren durchaus anstrengend.
Spannend war dann am Ende meine Rundenzeit in Oschersleben: 1:37,8
2008 auf dem Trackday mit dem Speedster war meine schnellste Runde 1:54,4
Rund 17 Sekunden schneller sind eine Welt Unterschied!
Der Speedster war damals eines der schnellsten Autos mit Straßenzulassung auf dem Trackday, Öhlins-Fahrwerk, Kumho K70, vorn Soft, hinten Medium, 950kg und 290PS, da ging richtig was. Die Autobild-Bestenliste von 2004, die ich gestern auf die Schnelle im Netz fand, notierte den Manthey-Porsche GT-MR auf Platz 1 mit einer Zeit von 1:41.
Was hat mir das Ganze gebracht außer einem Riesenspaß und unerwartet hoch sportlicher Betätigung?
Einmal unglaublich mehr an Respekt für Menschen, die es schaffen, Langstreckenrennen zu fahren. Körperlich und mental stundenlang unfallfrei und schnell um die Rundstrecke zu ballern. Da werde ich zukünftig noch mehr Demut haben vor solcher Leistung.
Und dann die Erkenntnis, dass ich es nach langen Jahren der Trackday-Abstinenz immer noch kann. Speziell das instinktive Abfangen über Lenkung, Bremse und Gaspedal, wenn man über das Limit kommt.
Und zuletzt, sofern die Simulation den GT3 tatsächlich gut umgesetzt hat (was ich glaube), dass dieser Rennwagen unglaublich gut kontrollier- und berechenbar ist. Weit entfernt von der Heckschleuder, als die ein 911 in frühen Zeiten mal gegolten hatte. Das war ein großartiges Fahren, sowas hätte ich gerne in der Garage. Aber halt nicht meine Einkommensklasse. Und auf der Straße brächte einem das auch nicht wirklich was. Für Rennstrecke bin ich zu alt, keinen Bock mehr auf regelmäßige Trackdays, speziell wegen der anfallenden Wartungsarbeiten und Kosten.
Ein kleines Manko hatte der Simulator: es gab keine Rückspiegel! Egal, wenn man allein auf der Strecke ist, aber entscheidend, wenn man ein Rennen fährt. Hinter der B-Säule war alles schwarz, keinerlei Ahnung, ob hinter einem einer sitzt, ob man beim Kampflinie-Fahren jemanden innen gegen das Vorderrad fährt. Wurde auch ein paar Mal von hinten angeditscht und merkte das nur anhand des Rucks und des Fahrverhaltens, einmal wurde ich sogar seitlich rausgetrieben, weil mir jemand seitlich gegen das Heck kam.
Die fehlenden Rückspiegel sind aber gering zu werten gegen das, was man da geboten bekommt. Die Rennen mit anderen Fahrzeugen sind nur das Sahnehäubchen für mich, das Wichtigste war das Kennenlernen des Fahrzeugs auf der Rennstrecke.
Dass ich die ganze Zeit über Schaltpaddle geschaltet hatte, versteht sich von selbst. Man hätte aber auch vollautomatisch fahren können. Lehnte ich ab. Bin das manuelle Schalten ja gewöhnt. Während ich den Golf meistens auf Automatik fahre, bewege ich den RS zu 90% nur manuell. In den Alpen zu 100%.
Bilder folgen noch.